Dienstag, 14. August 2012

Vortrag von Devon Boorman darüber wie man eine erfolgreiche Schwertschule gründet

Hier ein paar Gedanken, die ich beim Vortrag von Devon Boorman über das Thema "Wie man eine erfolgreiche Schule führt" mitgeschrieben habe. Devon ist einer der kommunikativsten Leute die ich kenne, es lohnt sich mit ihm den ein oder anderen Gedanken auszutauschen.

Er hat vor 8 Jahren die Academia Duello in Vancouver (Kanada) gegründet und der Laden läuft so bewundernswert erfolgreich, dass er die eine oder andere Sache richtig gemacht haben muss. Vielleicht kann man sich ja was von ihm abschauen.

Die Schule: Über das vergangene Jahr sind ungefähr 2000 Leute zur Schule gekommen, ungefähr 200 davon regelmäßig.
Neben Devon gibt es 24 Trainer und die Schule ist Fr-Sa teilweise von 7 Uhr (Dampf ablassen und dann ins Büro) bis spät abends geöffnet.
In der letzten Wirtschaftskriese konnte sich die AD ein Gebäude mitten in Vancouver sichern und hat da neben Trainingsbereichen auch ein Museum mit verschiedenen Themenschwerpunkten eingerichtet.

Philosophie: "Martial Arts to help people realize what they are capable of". Devon hat einen starken Coaching / Mentoring - Hintergrund, der vor allem bei Stunden mit einem personal Trainer zum Tragen kommt. Ansonsten wirken sich die Werte der Schule vor allem auf das Angebot aus: Keiner wird ausgeschlossen, den Schülern wird ein extrem strukturiertes Training angeboten (Devon konnte jetzt schon sagen, was für ein Training an einem beliebigen Tag nächstes Jahr stattfinden wird), die Struktur ist wichtiger als die Person (d.h. selbst wenn Devon morgen beschließt, dass er keine Lust mehr auf die Schule hat wird sie weiterlaufen) und die gelehrten Techniken richten sich nach dem Ideal einer "reconstructionist autenticity"  und nicht nach einer "revivalionist autenticity", d.h. es wird von historischen Quellen ausgegangen, aber Lücken ohne Bedenken gefüllt.
Die Trainingsinhalte der AD sind frei verfügbar, Devon hat keine Angst, dass ihm jemand was klaut und seine Schüler abspenstig macht.

Gelernte Lektionen: Devon hatte den ein oder anderen Rückschlag was die Finanzen anbelangt, weil er sich auf Leute verlassen hat, die nicht wussten, was sie tun. Bei Versicherungen, Finanzberatung und Rechtsbeihilfe ist er nicht mehr bereit zu sparen und auch nicht bereit völlig die Verantwortung abzugeben. Denn wenn hier was im Argen liegt, dann kann das die gesamte Schule gefährden.
Wenn die richtigen Strukturen da sind, können Leute kommen und gehen. Mit den richtigen Strukturen werden sie aber auch nicht gehen wollen. Deswegen ist für Devon das Halten von Trainern / Schülern wichtiger als die Anwerbung von neuen. Dafür gibt es u.a. einen festen Lehrplan für Schüler und regelmäßige Treffen für Trainer.
Daneben hat Devon angemerkt, dass es zwar das coolste der Welt ist sein Geld damit zu verdienen eine Schwertkampfschule zu führen, aber nichts für Leute, die nur Schwertkampf machen wollen und mit Orga nichts am Hut haben.

Marketingstrategie: Das wichtigste Werkzeug für die Werbung sind Aktionen und öffentliche Trainings. "Gebt den Leuten ein Schwert in die Hand und sie werden sofort merken, ob Ihnen das gefällt". Printwerbung macht die AD höchstens vor Feiertagen, um Trainingsgutscheine verkaufen zu können. Ansonsten sind der Onlineauftritt und die sozialen Netzwerke wichtig. Zitat eines neuen Schülers: "Eure Werbung war die erste, die ich auf Facebook überhaupt beachtet habe."
Devon kommt aus der TV-Branche hat da also noch einige Kontakte, die er bedienen kann.
Das Beeindruckendste war für mich aber der Marketingkalender. Jeden Monat finden festgelegte Veranstaltungen / Aktionen statt. Entweder was, das sich anbietet wie Feste, oder wenn man sich nirgends dranhängen kann ein eigenes Training irgendwo in der Öffentlichkeit.
Dabei haben sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene ihren Platz, um zu zeigen, dass jeder Schwertkampf machen kann und dass auch jeder beeindruckend gut werden kann, wenn er Lust hat.

Kurse: Die Academia Duello bietet diverse Kurse in den unterschiedlichsten HEMA-nahen Bereichen an, vom Bogenschießen bis zum Bartitsu. Anders als bei uns wird man kein Vereinsmitglied, sondern kauft ähnlich wie bei einer VHS einzelne Kurse oder Trainingszeiten, z.B. 4 Stunden im Monat. Es gibt unterschiedliche Preismodelle von "Du hilfst uns die Halle zu putzen und kommst dafür umsonst rein" bis "Flatline für völlig Verrückte". Die Kurse sind teilweise nur 45 Minuten lang, aber Schüler sind selbst für Aufwärmen / Abdehnen verantwortlich und können meist mehrere Stunden, die thematisch zusammenpassen aneinanderhängen. Für jeden Kurs gibt es eine Video-Zusammenfassung der Themen, die der Trainer nutzen kann um seine Stunde vorzubereiten oder die ein Schülern sich anschaut, um sich daran zu erinnern. Außerdem kann man sich anmelden um auf sämtliche Videos zuzugreifen und hat damit so was wie einen Fernkurs im Schwertkampf etc.

Eindrücke von den workshops auf der WWOC 2012

Für alle, die nicht dabei sein konnten hier eine kurze Zusammenfassung meiner Eindrücke, die ich bei den Workshops vor der Word Wide Open Longsword and Rapier Championships (4. August – 11. August) sammeln konnte. Ich habe ungefähr 1000 neue Ideen und Erkenntnisse mitgenommen und es wird einige Zeit dauern, bis ich meine Notizen aufbereitet habe, aber wenn euch eines der unten angesprochenen Themen interessiert, lasst es mich wissen.

Um was geht’s?

Alle zwei Jahre (2012 zum dritten Mal) veranstaltet die Schwertkampfschule Arts of Mars von Colin Richards eine offene Meisterschaft für HEMA-Waffen wie Schwert, Rapier, Schwert & Buckler etc. in verschiedenen Abwandlungen wie Kampf mit Nylonwaffen oder Fechtfedern. Vor dem dreitägigen Wettkampf fanden an 3,5 Tagen parallel 44 Workshops zu je ca. 1,5 Stunden statt. Darüber hinaus noch Vorträge, Schnittests und freies Sparring.
Die Veranstaltung war inklusive Übernachtung und Verpflegung, die Workshops fanden entweder gleich in / neben der Unterkunft statt oder in der Turnhalle, die einen Kilometer weit weg war.

Teilnehmer

Die WWOC ist wahrscheinlich das wichtigste Event seiner Art in Deutschland und ungefähr auf einer Ebene wie das Dreynevent, Swordfish und Dijon. Es ging dementsprechend international zu: Von Südafrika bis Kanada waren Schwertkämpfer vertreten, ich glaube sogar auch welche aus Australien. Insgesamt dürften etwa 60 – 70 Leute da gewesen sein, vom Experten auf ihrem Gebiet, bis zu einer absoluten Anfängerin, die zuvor noch nie ein Schwert in der Hand hatte.

Materialien

Dolch: Alles mögliche vom Nylondolch über Holzdolche bis zu gepolsterten Trainingswaffen.
Rapier: Stahl
Dussak: Leder mit Kunststoffkern
Schwert und Buckler: Stahl
Langes Schwert: Überwiegend Nylon (meistens die Actionflex-Schwerter), aber daneben auch Stahlwaffen und Fechtfedern

Die Workshops

Ich war bei insgesamt 14 Workshops / Vorträgen, meist bei unterschiedlichen Trainern. Im Folgenden die interessantesten:


Devon Boorman
Fiore Dagger

Hier ging es vor allem um Grundlagen im (Nah)kampf. Devon Boorman, von dem noch zwei mal die Rede sein wird hat vorgeführt, wie man die drei Zentren (das eigene, das des Gegners und das des Kampfes) und Prinzipien der Körpermechanik (Arbeiten mit der Schwerkraft oder im „beach ball of power“) nutzen kann, um einen Vorteil zu bekommen. Darauf folgte eine Einführung in die drei Schlüssel von Fiore dei Liberi (http://en.wikipedia.org/wiki/Fiore_dei_Liberi), womit die drei Armstellungen des Gegners bezeichnet werden, die man nutzen kann, um einen Hebel anzuwenden. Das Ganze wurde dann in zwei Dolchabwehrdrills geübt.


Dave Rawlings
Longsword

Der zweite Workshop war ein Drill-Workshop. Zuerst eine Kombination, in der die vier schrägen Häue mit der langen Schneide aneinandergehängt wurden, dann das gleiche mit der kurzen Schneide. Vor allem die kurze Schneide hat einiges an ungenutztem Potential, was sich in den nachfolgenden zwei Partnerübungen gezeigt hat.
Muskelkatergarantie gewürzt mit Daves unvergleichlich trockenem Humor.


James Roberts
Joachim Meyer Longsword

In diesem Schritt wurde in 5 bzw. 6 aufeinander aufbauenden Schritten geübt den Gegner anzugreifen und immer mehr zu verwirren: Dabei ging es vor allem darum in Bewegung zu bleiben und ein Auge dafür zu bekommen, was wirksam ist und was nicht.
1. Einfache Angriffe
2. Zurückgezogene und danach umgeleitete Angriffe
3. Unter der Parade durchgezogene Angriffe
4. Anbinden und Wechsel der Schneide mit einem Schritt
5. Anbinden und Wechsel der Höhe mit einem Schritt
6. Winden am Schwert
Bei den ersten 5 bleibt die Angriffslinie zum Gegner möglichst geschlossen, man versucht sich also selbst zu schützen, beim Winden begibt man sich in gefährliche Nähe zum gegnerischen Schwert.
In einem zweiten Workshop wurde das Ganze von der Seite des Verteidigers aus betrachtet. Hier ging's vor allem darum nicht statisch zu bleiben und der eigenen Technik so weit zu vertrauen, dass schon minimale Winkel- oder Reichweitenvorteile ausreichen um einen Treffer zu landen. Lustigerweise sah eine seiner Partnerübungen ganz ähnlich aus wie der Anfang von Drill 1.


Devon Boorman
How to make a successful club

Devon Boorman hat in seinem Vortrag kurz umrissen, wie sich seine Schule seit der Gründung vor 8 Jahren entwickelt hat und was für ihn die wirkungsvollsten Maßnahmen auf dem Weg zu 24 Trainern und 200 ständigen bzw. ein paar tausend gelegentlichen Trainierenden pro Jahr waren. Er hat eine ganze Menge Tipps dafür gegeben, wie man Leute für Schwertkampf begeistern kann und das Schöne ist, dass er die entsprechenden Daten hat, um das nicht nur aus dem Bauch heraus zu sagen. Außerdem fand ich den Trainingsplan seiner Schule ziemlich beeindruckend. Der umfasst nicht nur so ziemlich alles, was man sich an HEMA-Waffen wünschen kann, sondern auch Reitstunden. Außerdem ist er so detailliert ausgearbeitet, dass man heute schon nachschauen kann, welche Stunden in einem Jahr stattfinden werden und mit welchem Inhalt.
Ach so: Außerdem hat die Academia Duello ein eigenes Schwertkampf-Museum. Nach dem Vortrag habe ich spontan überlegt nach Vancouver auszuwandern … ^__^


Colin Richards
Guards as structures

Colin hat damit angefangen, dass man das Schwert nicht grundsätzlich in der Hammerhaltung, d.h. im 90°-Winkel greifen sollte, sondern vor allem mit den vermeintlich schwachen Ring- und kleinem Finger. Für Stabilität sollte immer die Geometrie der Arme/Hände sorgen, für Stärke und Geschwindigkeit die starken Muskeln des Körpers.
Zum Test wurde mit voller Härte auf die Hut Kron geschlagen. Wenn sich der Verteidiger dabei anstrengen muss, macht er was falsch.
Außerdem wurde Colin nicht müde zu betonen, dass eine Bewegung, die nicht in einer Hut endet oder beginnt in der Regel Schwachsinn ist, ebenso eine Hut in der man verharrt.
Dazu gab es noch zwei Übungen, die in Richtung Fühlen am Schwert gingen und mit denen man sich an den richtigen Druck am Schwert annähern konnte. In einem späteren Workshop bei Stefan Roth gings in die Richtung weiter.


Axel Petterson
Longsword (Sparring) Coaching

Ich war in der ersten Stunde von Axel in der es auch um Sparring ging nicht dabei und hab mir damit einige blaue Flecken erspart. In diesem Workshop sind wir zwar auch im Sparring gegeneinander angetreten, aber der Fokus lag auf das Coaching. Zwei haben gegeneinander gefochten, der dritte hat einem der beiden während dem Kampf Tipps gegeben. Das wurde danach in einem Kampf gegen ein anderes Team noch ein wenig mehr an richtige Wettkampfbedingungen angenähert. Axel hat ein paar Hinweise gegeben worauf man dabei achten sollte, aber allein mal zu versuchen jemandem der gerade wörtlich beide Hände voll zu tun hat mit guten Ratschlägen weiterzuhelfen war eine interessante Erfahrung.


Bart Balczak
Winden

Bart ist auf die Prinzipien eingegangen, die einem in Kampf die bessere Position geben (Stärke auf Schwäche, Schneide auf Fläche, Spitze zum Gegner, eigene Klinge über der Klinge des Gegners) und hat am Ende als Schmankerl noch zwei Konter gegen das Winden gezeigt, die zwar im Kampf sehr unwahrscheinlich aber dafür um so lustiger sind.


Szabolcs Waldman
Das Konzept der Tempi in der italienischen Schule

„Sir, yes, Sir!“-Szabo hat eine Einführung in die italienische Schwertschule genauer gesagt in das Konzept der Tempi gegeben. Ein Tempo entspricht einer Aktion im Kampf, woraus man eine schöne Partnerübung machen kann: Einer der Partner hat 2 Tempi zur Verfügung, der andere 3. Man sollte annehmen, dass der mit 3 Tempi meistens der Gewinner ist, schließlich darf er nochmal zuschlagen, wenn der andere schon stillhalten muss, in der Regel endet diese Übung aber anfangs beim 1. oder 2. Schlag mit einem Doppeltreffer. Und Doppeltreffer bedeutet Liegestütze für beide ^___^.
Und weil ich Szabo so sympathisch fand habe ich gleich einen zweiten Workshop bei ihm besucht, in dem er die Fechtmethode von Gérard Thibault (http://en.wikipedia.org/wiki/G%C3%A9rard_Thibault_d%27Anvers) vorgestellt hat. Einiges daran (und an Thibault selbst, der 1627 auf dem Scheiterhaufen endete) ist erst einmal ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber es macht (mathematisch begründet) Sinn und Thibault hatte die coolsten Konter der gesamten Veranstaltung zu bieten.

Trainingszusammenfassung 13. August

Das Thema waren Grundlagen. Ich hatte noch ziemlich viel von dem im Kopf, was ich bei den Lehrgängen der Arts of Mars WWOC gehört habe und eine Erkenntnis, die ich unbedingt im Training umsetzten wollte war auf Körpermechanik, sicheren Stand usw. einzugehen, indem ich mit einfachen Ring-Techniken anfange.
Erstens wird man dadurch warm und zweitens lernt man so, wie man seine Füße zu platzieren hat.
Also haben wir mit einfachem Schieben angefangen und der der geschoben wird hatte nur darauf zu achten, dass er sich eine Stellung aussucht in der er möglichtst wenig tun muss.
Danach haben wir das auf das Schwert übertragen. Wie muss ich mein Schwert und meinen Körper platzieren, damit mein Gegenüber mich nciht eindrücken kann?
Nächste Grundlage war die Distanz: Jeweils vom Angreifer als auch vom Verteidiger aus gesehen sollte man schauen, ob man die Länge seines Schwertes richtig einschätzt. Ich muss gestehen, dass ich ziemlich oft daneben gelegen habe. Beim Versuch einzuschätzen, wann mich ein Schwert trifft sowieso, aber auch beim Versuch meinen Angriff dann zu starten, wenn mein Gegenüber genau in der richtigen Distanz ist. Ich hab ihn meistens zu nah herankommen lassen.
Damit es nicht langweilig wird haben wir als nächstes je einen Angriffsroboter gegen einen Verteidiger antreten lassen. Der Angreifer hört erst dann auf anzugreifen, wenn der Verteidiger getroffen ist, macht es aber langsam und beschränkt sich auf immer nur einen Angriff mit Pause. Ziel des Ganzen ist es, dass man im Fluss bleibt und ein Gefühl dafür bekommt, wie man kontinuierlichen Angriffen am besten begegnet. Das gleiche Spiel funktioniert auch mit Sonderaufgaben, z.B. nur mit der kurzen Schneide zu parieren, immer aus der Angriffslinie zu treten etc.
Als Abschluss haben wir noch einen Konter gegen ein Winden geübt.

Dienstag, 13. Dezember 2011

50jähriges Jubiläum - eine Zukunftsvision

50 Jahre sind ins Land gegangen, seit sich die Urväter (und Mütter) der NMGSMSKSKBAFFM (Nicht mehr ganz so moderne Schwertkunst und Schwertkampfkunst in Bayern und anderswo für Frauen und Männer) irgendwo in einem Vorort von München getroffen haben, um die beinahe olympische Sportart aus der Taufe zu heben.

Zum großen Jubiläum lud der VNMGSMSKSKBAFFM (Verband für nicht mehr ganz so moderne Schwertkunst und Schwertkampfkunst in Bayern und anderswo für Frauen und Männer) wichtige Vertreter der Sportart aus aller Welt auf eine zum Sperrgebiet erklärte Insel vor der niederländischen Küste (Codename "Avalon"), um unter dem traditionellen Motto "Zukunft und Perspektiven der NMGSMSKSKBAFFM" den Grundstein für das weitere Wachstum der Sportart zu legen.

Dabei musste die NMGSMSKSKBAFFM vor allem in den letzten Jahren herbe Rückschläge hinnehmen. Unter der zunehmenden weltweiten Ölknappheit hatte auch die Schwertindustrie arg zu leiden und so kamen Stimmen auf, die einen Wechsel von den Nylon-Carbon-Hartkern-Weichspitzen-Schwertern zurück zu traditionelleren Materialien wie Holz oder sogar Stahl (ja, manche wagten es, das S-Wort laut auszusprechen) vorschlugen. Auch die zahlreichen Fraktionen und Splittergruppen im VNMGSMSKSKBAFFM versuchten am Thron des Präsidiums zu sägen. Vor allem der konservative Block tat sich hier hervor, aber auch der inzwischen mit Bann belegte "Club der Schwertbastler" hatte da mit seinen Sägeblattschwertern beinahe Erfolg.

Überhaupt waren "Tradition" und "Rückbesinnung" wichtige Schlagworte, die man eigentlich in allen Workshops und Diskussionen hören konnte. Deshalb verwundert es nicht, dass der Verbandspräsident des VTMSK (Verband für traditionelle Moderne Schwertkunst), der leicht an seinem grauen Karateanzug und der weißen Schärpe zu erkennen war, ständig im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand.

"Zum 1000sten Mal: Das ist keine weiße Schärpe. Das ist eine rote Schärpe, aber halt schon total ausgeblichen.", gestand er zu Beginn eines Gesprächs über das Für und Wieder von Schärpen vs. Karategürteln. "Als vor 35 Jahren das Gürtelsystem des Karate übernommen habe, war für mich das Maß voll und ich habe den VTMSK gegründet. Seitdem habe ich weder meinen Gi noch meine Schärpe ausgezogen. Es wird Zeit, dass auch die anderen begreifen, dass das kein Sport ist, sondern eine Lebensart."

"Nein, eine Religion! Bei Crom, es gibt nur einen Gott und Liechtenauer ist sein Prophet!", erboste sich sofort das Oberhaupt von Swordfightology aus den USA, der nach eigener Aussage auf einem Schwertwal zum Jubiläum angereist war.

Es ist leicht verständlich, dass da inhaltliche Fragen leicht ins Hintertreffen gerieten. So konnte auch diesmal nicht verbindlich geklärt werden, ob man sich beim Verbeugen vor dem Training auf einen bestimmten Punkt auszurichten habe (Lichtenau, Aufenthaltsort des Stilrichtungsgründers, Solingen) oder nicht. Der als EKEE (Erleuchtetes Komitee für Extremmeditation und Energiearbeit) bekannte Zusammenschluss von Ex-Yogalehrern und Mystikern lehnte die Verbeugung sogar grundlegend ab, da es im Training nur und ausschließlich auf die Meditation ankäme.

Auch der Sponsorenvertrag mit Wilkinson konnte nur unter vehementem Protest des SGGB (Sondergremium für Genderfragen und Benachteiligungsprävention) verlängert werden. Die Sprecherin: "Es ist eine Frechheit, dass Mann einfach so voraussetzt, dass wir Klingen nur dazu verwenden könnten uns die Beine zu rasieren!"
In einer Eilsitzung bebschloss der VNMGSMSKSKBAFFM diese Angelegenheit mit einem offiziellen Entschuldigungsschreiben zu bereinigen. Zu diesem Zweck wurde eine Projektgruppe gegründet, die sich derzeit über die Möglichkeiten der Portobeschaffung und das richtige Papier berät.

Als wichtiger Durchbruch kann die Veröffentlichung der Prüfungsordnung zur vorbereitenden Prüfung auf die Prüfung zum Orangegurt (ehemals Grad 1) gewertet werden, die nun erstmals auch in der übersetzten Version ins Englische vorliegt. Um einen einheitlichen sprachlichen Standard herzustellen wurde dabei bei Fachbegriffen erstmals auf eine Übersetzung verzichtet. Mancher englische Muttersprachler wird sich zwar zunächst mit Ausdrücken wie "stick up" oder "sit-up" schwer tun, aber die "Projektgruppe für feiner Deutsch" arbeitet bereits an einem umfassenden Wörterbuch.

Überhaupt konnte mit einer speziellen Schulung für ausgewählte Honoratioren der Sinn von Prüfungen wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden. Vor den zwei anwesenden Prüfern (einer hatte sich verlaufen und sollte dann nicht einfach vor die Tür gesetzt werden, wo er schon mal da war) wurde ausgesprochen, was viele bereits ahnten: Prüfungen sind dazu da die jeweils nächste Version des Prüfungsprogramms auf seine Umsetzbarkeit zu testen und die Überlegenheit der Prüfer zu beweisen.
Es dürfte ein herber aber leider notwendiger Verlust für die Schwertkampfwelt sein, dass davon niemand etwas mitbekommen wird, bis er unversehens in eine Prüfung stolpert.

Apropros stolpern: In einem Workshop, der zwar schweineteuer war, aber allgemein mit großem Applaus aufgenommen worden ist gab Klug Saissa, der mal einen Bekannten hatte, der seine Frau vom Training bei einem unglaublich tollen chinesischen Kung Fu Meister abgeholt hat und laut eigener Aussage alle schwarzen Gürtel in sämtlichen Kampfsportarten besitzt, Einblicke in die hohe Kunst des Drunken Fencing. Nach einigen Flaschen Hochprozentigem führte er die Form "Honig-Met, der in den Kopf steigt" vor und brach dann bewusstlos zusammen - so viel Hingabe war bisher noch nicht oft zu sehen.

Gleichzeitig wurden zwei weitere Formen vorgestellt: Die Form "1000 kleine Dinge, auf die es ankommt, aber die sich keiner merken kann", die traditionell mit einem Kopfhörer gelaufen wird, über den die unzähligen Teile der Form vorgelesen werden und die "Form 0", die komplett imaginär gelaufen wird.

Auch das NMGSMSKSKBAFFM-Rollenspiel kam gut an. Da in einigen Vereinen sowieso mehr diskutiert als tatsächlich etwas getan wurde, packte man das einfach in würfelfreundliche Regeln und voila! ein neuen Erfolg war geboren.

Eine Fülle von Angeboten, die die meisten Sportler voller Begeisterung und auch ein wenig ratlos zurückgelassen hat. Völlig verwirrt war auch eine Gruppe von Schwertkämpfern, die frisch dazugekommen sind und die einfach nur Spaß mit Leuten haben wollte.

Dienstag, 22. November 2011

Emisch und etisch

Es gibt unter volkskundlichen Forschern einen Ausdruck, den sie wahrscheinlich von Völkerkundlern übernommen haben, die nach langen intensiven Studien zu dem wurden, was sie erforscht haben: "going native".
Um eine fremde Kultur zu erforschen und sie wirklich zu verstehen ist es zum Teil notwendig sie 'emisch' zu betrachten. Das bezeichnet im Gegensatz zu 'etisch' den Blick von innen.
Fachbegriffe hin oder her, es gibt auch den entgegengesetzten Weg, den ich mal "going foreign" nennen möchte. Wie ein Wort, das man 100mal wiederholt plötzlich seltsam klingt wird die eigene Kultur fremd, wenn man sich zu sehr mit ihr beschäftigt.

Und so geht es mir gerade. Ein wichtiger Reiz, der von der Beschäftigung mit dem Schwert oder anderen mittelalterlichen Waffen und deren Techniken vor allem für Trainer (für Trainierende muss ich das noch erörtern) ausgeht, ist die Möglichkeit sich außerhalb des 'Normalen' zu bewegen. Frag jemanden, der sich ein oder zwei Mal in der Woche mit einem schwertähnlichen Objekt in der Hand in eine Halle stellt und er wird dir bestätigen, dass er zumindest ein bisschen verrückt ist - und jede Menge Spaß daran hat.
Darüber hinaus ist der Verdacht des Eskapismus nicht weit. Die meisten Sportler die ich kenne oder von denen ich gehört habe gehen einer geregelten Tätigkeit nach und sind auf dem Weg in ein gutbürgerliches Leben, aber so ganz befriedigend ist das nicht. Schwertkämpfer sind nicht dümmer als andere Leute und haben Augen im Kopf um zu sehen, dass in der Gesellschaft, egal ob man sie jetzt auf das Land bezieht oder einen größeren geographischen Raum manches besser laufen könnte.
Als Rückzugsraum bietet sich eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten an, mit denen man sich ähnlich wie es 'in der Welt da draußen' auch passiert messen kann/muss, aber zu einem anderen Zweck.
Wer eine Partnerübung besser macht bekommt keine Gehaltserhöhung. Wer eine Prüfung besteht bekommt keine Beförderung.

Als Trainer - und zum Teil auch als Schüler -  hat man die Möglichkeit eine Welt im kleinen zu erschaffen und wenn schon das große Ziel der Weltherrschaft nicht erreicht werden kann, dann ist das wenigstens eine oftmals funktionierende Alternative. Ich sage bewusst oftmals, weil es nicht genügt Trainer zu sein, um seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen. In meiner Sportart ist das Training traditionell autoritär angelegt, in anderen auch, bzw. entwickelt es sich automatisch in diese Richtung, weil es einfacher ist, wenn einer sagt, was gemacht wird, als wenn 10 oder mehr versuchen sich zu einigen.

Insofern werden bei der Beschäftigung mit dem Schwert vielfach bekannte/gewohnte Strukturen übernommen aber mit anderen Inhalten gefüllt. Es gilt einen Bereich zu schaffen, in dem man seine Komfortzone nicht verlassen muss. Durch den sportlichen Umgang ist es einfacher Berührungsängste zu überwinden, durch die relative Homogenität der Gruppe muss man sich keine Gedanken über die Integration von Ausländern oder Behinderten machen.

Darüber hinaus ist es leicht sich über das Merkmal 'Schwertkämpfer' abzugrenzen. Wer die Vorstellung gegeneinander zu kämpfen grundsätzlich ablehnt - und sei es nur zum Spaß - ist grundsätzlich schon mal außen vor. Wer die selbe Faszination für das Schwert empfindet - egal ob die Gründe dahinter sich ähneln - ist grundsätzlich schon mal sympatisch.

Das ist auch einer der Gründe, warum es so wenig Bestrebungen gibt unter den verschiedenen Gruppen die es gibt voneinander zu Lernen oder in Kontakt zu kommen. Schwertkampf dient der Abgrenzung, so wie viele andere Hobbys auch. Golfer haben ein klar umrissenes Image, das zum Beispiel im konträren Gegensatz zu Kickboxern steht. Dabei sagt der Sport an sich ja noch nichts über den Charakter eines Menschen oder sonst irgend etwas aus. Für Schwertkämpfer muss sich dieses Image in der Gesellschaft erst konkretisieren, 'emisch' hat es aber schon recht klare Konturen. Dabei gibt es aber eine gewaltige Bandbreite, wie man das konkretisieren kann.

Ich war kürzlich in Hamburg und bin an einem Abend von einer gepflegten Unterhaltung bei Tee und Keksen nahtlos in ein Vollkontakttreffen in einer Garage mit Fellen an den Wänden gestolpert. Und obwohl der Umgang mit dem Schwert bzw. allgemeiner historischen europäischen Kampfkünsten unterschiedlicher kaum sein könnte, findet man doch Gemeinsamkeiten. Allen voran das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das bei genauerem Hinsehen auch ziemlich gegenstandslos sein kann. Doch zumindest für ein paar Stunden reicht die Faszination für historische Waffen/Techniken aus, um keine Differenzen aufkommen zu lassen.

Erhellend ist den Sport rund um mittelalterliche Techniken mit anderen Sportarten zu vergleichen, die nicht viel älter sind. Es fällt auf, dass sich Schwertgruppen aus den verschiedensten Gründen an bekannten Mustern orientieren: Sie organisieren sich in Vereinen, schließen Versicherungen ab, erheben Beiträge, halten regelmäßige Trainings ab.
Wie soll es auch anders gehen? Gegenbeispiele wie Parcour, Geocaching oder Surfen zeigen, dass es auch anders geht. Manches ist der Zweckmäßigkeit geschuldet, vieles aber auch einfach dem Selbstverständnis der Sportler. Frag einen Jugendlichen, der sich für Parcour begeistert, ob er einem Verein beitreten will und er wird wahrscheinlich der Meinung sein, dass das uncool ist.
Im Gegensatz zum Schwertkampf funktionieren moderne Trendsportarten grob gesagt nach dem Muster: Global vertreten - lokal ausgeführt - dezentral organisiert.
Schwertkämpfer hingegen sind zwar ebenfalls global vertreten, orientieren sich aber lokal mit einer zentralen Führung. Regelmäßiges Erscheinen im Training ist erwünscht, private Übungstreffen irgendwo im Garten ohne Aufsicht des Trainers eher nicht.
Man schielt mit einem Auge auf etablierte Kampfsportarten, ist aber noch nicht bereit systematisch auf eine entsprechend vergleichbare Größe hinzuarbeiten, weil man dafür den Status des 'anders seins' aufgeben müsste. Karate kann schließlich jeder machen, Schwertkampf ist hingegen nur was für sympathisch Verrückte.

Zurück zu 'going native'. In meiner Sportart musste ich mich erst einmal an die Gepflogenheiten gewöhnen und es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte es sein lassen, weil ich mich nicht damit anfreunden konnte. Jetzt da ich immer deutlicher sehe, was andere Gruppen machen und was der gemeinsame Kern ist, geht es mir wieder so und ich führe die Rituale meines Sports aus wobei ich mir bewusst bin, dass es Rituale sind, deren Form arbiträr ist.

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